von Jörg Prante und Dániel Fehér
Der Streik Ende 1997 hat gezeigt, daß Alternativen zur alltäglichen Ohnmacht und Demütigung im regulären Lehrbetrieb möglich sind. Wir wollen daran anknüpfend einen Blick auf diejenigen Geschehnisse werfen, mit denen vor 30 Jahren einige Bonner StudentInnen von sich reden machten, die gegen die undemokratischen Verhältnisse an der Bonner Universität protestierten.
Wer in den 60er Jahren in Bonn studierte, erinnert sich mit gemischten Gefühlen an die gesellschaftliche Entrücktheit patriarchal-autoritärer "Lehrstuhlinhaber", an die akademische Haltung, die in Festreden arg strapazierte "Einsamkeit und Freiheit" der "Ordinarien", an eine professorale Selbstgerechtigkeit, dis bis heute in Gestalt talargeschmückter Feststunden fortdauert. Die Universitäten galten als "Oasen der Ruhe" . Ebenso bis heute zieht sich die unerträgliche Angewohnheit der Studierenden, standardisierte Lehrinhalte standortgerecht zu reproduzieren und in gebeugter Haltung einsam herauszufinden, wie denn nun am besten und am schnellsten der Studienabschluß zu erzielen sei.
Für eine gründliche Betrachtung muß auch das Lebensgefühl der Studierenden damals berücksichtigt werden. Man lebte in der Universität. Die Hörsäle, Institute, Bibliotheken waren bis halb zehn abends, bzw. bis 16 Uhr am Samstag voll. Wenn man an einer Versammlung vorbeikam, so konnte man sich die Zeit nehmen und kurz stehenbleiben. Die meisten hatten auch keine feste partnerschaftliche Bindung – die Moral der Zeit sah das erst für die Zeit nach dem Examen vor.
Noch 1965 konnte man in Bonn sicher sein, daß sich die studentischen VertreterInnen mit Vorliebe um interne Querelen, Haushaltstitel, Tagesarbeit und Privatfehden kümmerten. Der AstA erledigte ordnungsgemäß seine Sacharbeit, das Studierendenparlament tagte nach Vorschrift, und die Uni-Leitung konnte seiner Loyalität sicher sein. Wählen tat man aus reinem Pflichtgefühl. Wen man wählen sollte, wurde von den Korporationen vorgegeben, die schon im Voraus die AStA-Pöstchen unter sich aufgeteilt hatten.
Mitte der 60er begann der Vietnam-Krieg. Die traditionelle politische Moral (Westen = Gut, Osten = Böse) wurde angesichts der Inhumanität dieses Feldzuges in ihren Fundamenten erschüttert, es regte sich weltweit der Protest. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS), ein westdeutscher unabhängiger linker Studierendenverband, den die SPD nach den Godesberger Beschlüssen ausgeschlossen hatte, setzte sich mit öffentlichkeitswirksamen Protestformen an die Spitze der Antikriegsbewegung in Westdeutschland. Er legte nicht mehr viel Wert auf parlamentarische Repräsentation oder Anbindung an eine Partei, sondern sah seinen Schwerpunkt in der Aufklärung der Studierenden durch Schaffung demokratischer Öffentlichkeit und insbesondere im Kampf gegen die deutsche Traditionsuniversität mit ihren Burschenschaften und ihrer verschwiegenen Rolle im Faschismus. Die Universität begriff der SDS als "Agitationsfeld Nr. 1".
Spätestens seit Mai 1967 war es mit der Ruhe an der Universität Bonn vorbei. Aus Protest gegen einen Grundsatzbeschluß des Senats der Universität, der nach einer vierstündigen Sitzung den "wilden" AStA-Vorsitzenden Bernhelm Booß (SDS) in die Schranken weisen wollte, trat der AStA des Diplom-Mathematikers Booß nach gerade zwei Monaten Amtszeit zurück. Der AStA, so der Professoren- Senat, habe nicht das Recht, "Akte der Willensbildung in politischen Fragen zu vollziehen" und begründete damit, dem AStA keinen Raum für eine Kundgebung gegen das im April 1967 durch einen Putsch an die Macht gekommene Militärregime in Griechenland zur Verfügung stellen zu müssen. Der AStA habe "keine Aktionen für oder gegen Personen des öffentlichen Lebens zu unternehmen". Der rechte RCDS und die Korporationen verurteilten den Booß-AStA wegen "Anmaßung politischer Rechte". Das Studierendenparlament konnte sich auf keinen Nachfolger einigen, der als AStA-Chef den Senatsbeschluß in den Papierkorb werfen und weitermachen würde. Die linken Gruppen zogen aus dem Studierendenparlament aus. Zurück blieb ein Rumpfparlament konservativer Gruppierungen ohne nennenswerte Opposition, das Mühe hatte, seine Beschlußfähigkeit herzustellen. Die 25 ausgezogenen linken Parlamentarier vom SDS, teilweise aus dem Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB) und dem Liberalen Studentenbund Deutschlands (LSD), kündigten den verfassungsmäßigen Organen der Studierendenschaft die Arbeit auf und gründeten daraufhin einen "Unabhängigen Studentenausschuß", der bald in die "Studentengewerkschaft" überging. Rechte und Linke warfen sich in der Folge gegenseitig vor, nicht die Mehrheit der Studierenden hinter sich zu haben. Das SDS-Mitglied Hannes Heer: "Reformgeschwätz und das auch nur zu den SP-Wahlen hilft nicht nur nicht weiter, es verhindert jede Reform."
Zum Dies Academicus des Wintersemesters 1967/68 hatte der Bonner SDS den Berliner SDS-Kollegen Rudi Dutschke eingeladen. Aus Protest gegen die ritualisierte Dies-Veranstaltung der Universität organisierte der SDS einen "Anti-Dies" im Arkadenhof, zu dem 3000 StudentInnen erschienen. Der Rektor verweigerte alle Räume. Am 6. Dezember 1967 sprach Rudi Dutschke im Innenhof, forderte ein "Bündnis der Studenten mit den fortschrittlichen Professoren". Ein kleines Haufen Burschenschaftler, denen Dutschkes Auftreten ein Dorn im Auge war organisierten eine Lärm- und Störaktion: Aus dem anderen Ecke des Arkadenhofs sangen sie "Humba-humba-tätärää" und "So ein Tag..." Der entnervte Dutschke brach seinen Vortrag ab und konnte ihn erst zu Ende führen, nach dem die Burschis das Feld geräumt hatten.
Der SDS zeigte an diesem Tag außerdem einen Vietnamfilm und entwickelte für die Philosophische Fakultät das Konzept der "permanenten Vorlesungskritik", das besonders von der "politisch neutralen" Fachschaft Geschichte heftig unter Beschuß genommen wurde. Zwei Monate lang übte der Arbeitskreis Vorlesungskritik des SDS unter der Leitung von Bernhelm Booß vor allem in neuhistorischen Vorlesungen Kritik an der Vorlesungspraxis und erörterte in den regelmäßig erscheinenden "Vorlesungsnachrichten" Probleme des historischen Studiums. Er forderte die Professoren auf, Näheres über "Sinn und Inhalt ihre Lehrveranstaltung" mitzuteilen, da die Titel im Vorlesungsverzeichnis "nicht gerade aufschlußreich" seien. Der überempfindliche Osteuropa-Historiker Jablonowski reagierte auf die Zwischenfragen durch Abbruch seiner Vorlesung über neuere russische Geschichte. Flugblätter zur Vorlesungskritik wurden verboten und eingesammelt. Das von den Studis gewählte Verfahren war neu; es wurden "Fragen zur und während der Vorlesung" gestellt, was "für eine deutsche Hochschule nicht nur höchst unüblich ist, sondern womit auch eine wichtige Voraussetzung des Lehrbetriebs entfällt, die nämlich, daß jeder Professor eine bestimmte Zeit haben muß, um seinen Stoff vortragen zu können" (General-Anzeiger, 2.2.68). Die Studentengewerkschaft bestand daruf, es auf die Verbesserung, nicht Abschaffung der Jablonowski-Vorlesung abgezielt zu haben.
Die Wahlen vom 19. Januar 1968 - gewählt wurde nach Personen - brachten keine deutlichen Mehrheiten. 61 studentische ParlamentarierInnen gab es damals, und 8543 von 14574 StudentInnen gingen wählen. Von den 61 Sitzen entfielen 33 auf das rechte und 25 auf das linke Lager. Der rechte Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) gewann 9, die als Reaktion auf die "Studentenunruhen" des Vorjahres gegründete Korporiertenlist "Aktion 68" (von ihren Gegnern "Reaktion 68" genannt) erhielt 14 Sitze,. Die stärkste linke Gruppierung war der SDS, doch der hatte absichtlich nur einen Kandidaten, Stephan Kappstein, ins Rennen geschickt, der an der Philosophischen Fakultät die meisten Stimmen bekam und den scheidenden konservativen AStA-Vorsitzenden Pörtner deutlich übertraf. Zum neuen AstA-Chef wurde Peter Schon vom SPD-nahen Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB) gewählt, der von Teilen der Linken und einer rechten Korporiertenliste ("Aktion 68") unterstützt wurde. Sein AStA hatte mit Klagen wegen unzulässiger Wahrnehmung des "allgemeinpolitischen Mandates" von Seiten des RCDS und des ADSt ("Arbeitskreis Demokratischer Studenten") zu kämpfen.
Das Jahr 1968 begann mit einem Paukenschlag. Wieder einmal wollte die Bonner Universität eine umstrittene Ehrendoktorwürde verleihen. Diesmal war Bundespräsident Heinrich Lübke, Ehrensenator der Universität, an der Reihe. Der SDS trug umfangreiche Materialien zu Lübkes Tätigkeit während des NS- Regimes zusammen, als er in einem Archtitekturbüro arbeitete, das Häftlingsbaracken für die NS-Konzentrationslager baute. Wiederholt forderte der SDS in Briefen an das Rektorat die Aberkennung der Ehrensenatorwürde. Weil die starre Universitätshierarchie auf die Vorwürfe nicht reagieren konnte und wollte, begaben sich am 6. Februar 1968 etwa zwanzig StudentInnen in das Rektorat und baten um ein Gespräch mit dem Rektor. Da der Rektor abwesend war, ergänzten sie im Ehrenbuch der Universität den Lübke-Eintrag mit dem Zusatz "KZ-Baumeister", um ihrem Protest Ausdruck zu verleihen. Tags darauf, als erneut ein Gespräch mit dem Rektor erbeten wurde, fand ein Sit-In mit etwa 100 Studierenden vor dem Rektorat statt. Der AStA-Vorsitzende Peter Schon erklärte ihnen nach einem Gespräch, daß "Rektor und Senat sich weigerten, über die Aberkennung der Ehrensenatorwürde Lübkes zu diskutieren, dagegen bereit waren, über die Aberkennung der Immatrikulation derjenigen Studenten zu verhandeln, die über Lübke zu diskutieren verlangen".
Es kam auf Befehl des Rektors Prof. Dr. Dr. h. c. Wilhelm Schneemelcher zum ersten Polizeieinsatz an der Universität seit 1945. Unter den Augen des Rektors erscholl das Kommando "Knüppel frei". Es begann unter dem Gesang der Hymnen "We shall overcome" und "Auferstanden aus Ruinen" eine wilde Knüppelorgie, die mit der Räumung des Ganges vor dem Festsaal durch die Polizei endete. Ein Student wird mit Rippenbrüchen und Gehirnerschütterung ins Krankenhaus eingeliefert. Die Studierenden wehrten sich, am nächsten Morgen standen gepinselte Sprüche wie "Schneemelcher läßt den Notstand proben", "Schneemelcher - Nazifreund", "Uni für Studenten gesperrt, Polizei studiert", "Polizeischule hier" an der Mauer des Hauptgebäudes. Das RCDS-Mitglied Rosorius, SP-Sprecher, forderte die Zwangsexmatrikulation der "Radikalen". Tatsächlich wurden in obrigkeitsstaatlicher Manier gegen die "Rädelsführer" Hannes Heer und Glen Pate ("Ich legte meine Stiefel auf den Schreibtisch des Rektors") Relegationsverfahren eingeleitet. Die Pointe: Der zuständige Universitätsrichter Prof. Hellmuth von Weber hatte eine tiefbraune Vergangenheit. Er hatte sich als von den Nazis bestellter Gutachter im NS- Schauprozeß zur Reichtstagsbrandstiftung dafür ausgesprochen, den Verdächtigen van der Lubbe zu erhängen. "Relegationsrat" von Weber mußte zurücktreten.
Am 9. Februar demonstrierten etwa 100 StudentInnen in der Bannmeile, um die Bundestagsdebatte über die StudentInnenunruhen mitzuverfolgen, in der den SDS- StudentInnen "kommunistische Umtriebe" vorgeworfen wurden.
Rektor Schneemelcher versuchte, in gewohnt autoritärer Weise die Initiative an sich zu reißen, und ließ, um das "Ansehen der Studenten wiederherzustellen", am 12. Februar ein Flugblatt verteilen: "Kommilitoninnen und Kommilitonen! Die Terrorwelle hat Bonn erreicht! Seit 14 Tagen erleben wir alle, daß kleine Gruppen unter Androhung von Gewalt Rektor und Senat terrorisieren [...] Meinungsfreiheit ist kein Freibrief für Gewalt. Wer Terror übt, missachtet die Meinungsfreiheit. Terror ist der Demokratie und dem Wesen der Universität fremd. Kommilitoninnen und Kommilitonen! Dürfen wir dieses Treiben kleiner Gruppen dulden? Erkennen sie die Gefahr, daß die Studenten in den Augen der Öffentlichkeit, vor allem der Arbeiterschaft, verächtlich werden! Die Öffnung der Universität zur Gesellschaft hin wird und muss kommen [...] Dienstag, den 13.2.1968, 14 Uhr s.t., Platz unter der Regina Pacis: Kundgebung der Universität. Es spricht der Rektor." Davon inspiriert erschienen am nächsten Tag 2000 Studierende an der Hofgartenseite, um der Ansprache des Rektors zu lauschen, die er von der Brüstung unter der Regina Pacis herab hielt.
Am Gründonnerstag, den 11. April 1968, wurde der Anschlag auf Rudi Dutschke verübt. Wenige Tage später, am 16. April 1968, versammelten sich um 14 Uhr 600 Studierende zu einer Protestversammlung im Arkadenhof, um nähere Informationen zum Dutschke-Attentat zu erhalten und anschließend als Spontandemonstration durch die Bonner Innenstadt zu ziehen.
Die Große Koalition von CDU und SPD wollte die Notstandsgesetze per Verfassungsänderung durchsetzen. Bei den Bonner StudentInnen stießen die Aktionen der Außerparlamentarischen Opposition (APO) von Gewerkschaften und SDS ("Demokratie vor dem Notstand") zunächst auf geringe Resonanz. Am 11. Mai 1968, am Tag des Sternmarsches in Bonn, rief das Bonner StudentInnenparlament zum Uni-Streik auf, um gegen die zweite Lesung der Notstandsgesetze im Bundestag zu protestieren. Nur das Hauptgebäude folgte dem Aufruf. Am 12. Mai 1968 versammelten sich hunderte Delegierte des SDS in der Bonner Beethovenhalle und planten einen nächtlichen Marsch auf Innenministerium oder Polizeipräsidium. Der gerade aus Paris zurückgekehrte Hannes Heer schlug stattdessen einen Marsch auf die französische Botschaft vor. Nach seiner Rückkehr aus Frankreich erklärte er: "Was uns fehlt, sind französische Zustände. Dort ist der Mann auf der Straße solidarisch. Die Gewerkschaften machen mit. Es gibt noch eine unabhängige Presse. Hier würde gleich die Bundeswehr marschieren." (Express, 28.5.68)
150 StudentInnen und Jugendliche stürmten am 19. Mai 1968 den großen Saal des Bonner Bürgervereins, wo der "Tag der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD)" stattfand. Es kam zum Handgemenge, zu Knüppeleien, Barrikaden wurden abgeräumt und Stühle geworfen. Hannes Heer verkündete per Megaphon: "Es gehe nicht um handgreifliche Auseinandersetzungen, sondern um die Diskussion."
Mitte Mai gründeten SDS-StudentInnen das "Zentrum für Arbeiter, Schüler und Studenten" (ZASS) an der Bonner Universität. "Ob zum Notstand ja oder nein - informiert müssen sie sein" war die Maxime dieser Einrichtung, deren AktivistInnen bald Zeitungen herausgaben, sie um 5.30 Uhr morgens vor HARIBO und anderen Industriefabriken verteilten oder Diskussionen und Versammlungen vor Godesberger Gymnasien organisierten. Die Studenten Jens Bünnig und Klaus von Wachter wollten in einer Aktion "Über Land" die politische Bildungsarbeit von der Stadt aufs Land bringen. Am 27. Mai 1968 begannen zwanzig StudentInnen im Hörsaal I einen zweitätigen Hungerstreik gegen die Notstandsgesetze. Die Vorlesungen liefen weiter. Etwa 2500 SchülerInnen und StudentInnen zogen mit Transparenten gegen die Notstandgesetze durch die Stadt ("Notstandsgesetze - Eingeständnis der Regierungsunfähigkeit der Großen Koalition"), als in dritter Lesung der Bundestag den Gesetzen bereits zugestimmt hatte. SDS-Sprecher Heer: "Die kleine radikale Minderheit hat eine Niederlage eingesteckt."
Der AStA ergriff zur anstehenden Rektorwahl die Initiave, als die Altrektoren wie gewohnt ihren Nachfolger, den Juraprofessor Partsch, dem "Großen Senat" präsentieren. Die Öffentlichkeit war ausgeschlossen, die StudentInnen durften nicht wählen. Daher wurde am 21. Juni 1968 vom AStA eine öffentliche Diskussion mit den Rektorkandidaten anberaumt, an der die jungen Professoren Penselin und Weltzien teilnahmen, Partsch jedoch fernblieb. Partsch verweigerte sich der öffentlichen Befragung durch Studenten: "Ich kann mich doch nicht mit den Kandidaten des Kritischen Forums vorstellen. Sie verstehen, dadurch würde der Anspruch der rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät auf Nominierung des Rektorkandidaten angetastet." Doch die demokratischen Studierenden gaben ihre Hoffnung nicht auf, Partsch zu einer politischen Stellungnahme zu bewegen. In einen Flugblatt des SDS vom 24. Juni 1968 wurde zum Sit-In aufgerufen: "Durch eine friedliche Belagerung des Hörsaal 17 wollen wir die Diskussion mit dem Kandidaten der Universität erzwingen, die uns bisher verweigert wurde. Wir werden den Wahlsenatoren bei ihrem Einzug eine Gasse freimachen. Denn wir wollen Schneemelcher, [Prorektor] Gassner und [Kanzler] von Medem nicht den erwünschten Anlaß geben, ihre Vorstellungen von einer demokratischen Hochschulreform zum zweiten mal mit Polizeieinsätzen auf Unigelände zu praktizieren..."
Am 24. Juni 1968 wird Partsch von den "Wahlsenatoren" zum neuen Rektor gewählt. Die Studierenden reagierten prompt: "Die am 24. Juni 1968 anläßlich der Rektorwahl in der Vorhalle zum Hörsaal XVII versammelten Studenten stellen mit Betroffenheit fest, daß die Einsicht in die Lage unserer Universität, in ihre Probleme und die Methoden zu ihrer Lösung bei den offiziellen Vertretern der Universität, den Mitgliedern des Großen Senats, noch immer nicht soweit gediehen ist, daß nämlich der erste Schritt zur Hochschulreform die rationale Diskussion der anstehenden Probleme ist. Wir Studenten stellen fest, daß der Große Senat länger als eine Stunde über die Zulassung von 20 studentischen ‘Zuschauern’ (!) diskutierte, zu einer Diskussion der Kandidaten aber nicht bereit war [...] Wir Studenten erkennen die Wahl nicht an."
Die Philosophische Fakultät hatte nur zwei Tage später, am 26. Juni 1968, die Wahl des neuen Dekans angesetzt. Es war, nach massiven Protesten der Studierenden, die auch zur Wahl des Dekans nicht zugelassen waren und die eine "effektive demokratische Öffentlichkeit" herstellen wollten, bereits der dritte Versuch. Beim dritten Mal wurde erstmals eine Kandidatenliste eingeführt. Die studentischen Mitglieder des Fakultätsausschusses bemühten sich vergeblich, persönlich, telefonisch und schriftlich um die Gewinnung der Dekankandidaten für eine öffentliche Diskussion. Sie wurden abgewiesen: "Studenten haben hier nichts zu suchen." Die Dekanwahl fand abends unter Polizeischutz statt. Von aufgebrachten StudentInnen wurden die Fensterscheiben und Glastüren zum Dekanatssitzungssaal aufgebrochen und eingeschlagen. Die Polizei lieferte sich schwere Prügeleien mit den StudentInnen. Der RCDS verurteilte die protestierenden StudentInnen als "Rabauken und Rowdies". Björn Pätzoldt, stellvertretender Vorsitzender des Verbandes Deutscher Studentenschaften (VDS), wies auf ähnliche Vorgänge hin: "Die Besetzung von Universitätsinstituten sei in Wirklichkeit keine Besetzung, sondern eine Befreiung."
Das Schneemelcher-Rektorat war nicht gerade zimperlich. Die Studentengewerkschaft veranstaltete am 16. Dezember 1968 ein "Tribunal" gegen den "Polizeirektor" Schneemelcher. Zu diesem Zeitpunkt waren aufgrund der Lübke-Proteste in der Universität drei Verfahren wegen Hausfriedensbruchs, 38 Verfahren wegen Nötigung, 2 Relegations- und 38 Disziplinarverfahren anhängig; wegen Protest gegen die Notstandsgesetze 7 Verfahren wegen schweren Hausfriedensbruchs; wegen des Sit-Ins vor dem Dekanat der Philosophischen Fakultät 8 Verfahren wegen Hausfriedensbruchs, Nötigung und Freiheitsberaubung; und im Dekanatsverfahren gab es 7 Verfahren wegen Landfriedensbruchs.
Am 21. Juni 1968 beschlossen die StudentInnen der Pädagogischen Hochschule Bonn mit 82 Prozent der abgegebenen Stimmen, einen unbegrenzten Vorlesungsstreik als Protest gegen die Hochschulmisere zu beginnen. 76 Prozent aller eingeschriebenen StudentInnen nahmen an der Urabstimmung teil. Die Streikkosten wurden durch den Erlös einer Riverboat-Shuffle-Party gedeckt.
Am 4. Juli gelingt es dem RCDS nach 15 vergeblichen Wahlgängen mit Unterstützung der Korporierten-Allianz "Aktion 68" und anderen "unabhängigen" Kräften, den Mitte-Links-AStA zu stürzen und Dipl.-Ing. Wolfgang Breyer (RCDS) zum neuen AStA-Vorsitzenden zu wählen. Die AStA-Referenten wurden zwar noch im ersten Wahlgang durch Stimmengleichheit abgelehnt, die Linke begrüßte dies durch Jubelgesang ("Ho-ho-ho-Tschi-Minh"), aber dann erschienen noch die fehlenden drei RCDS-Mitglieder. Die wichtigsten Anliegen des neuen AStA waren fortan die Forderung nach Bau der Hofgarten-Tiefgarage wegen "Auto-Chaos" in der Nassestraße und die Errichtung der neuen chemischen Institute in Endenich statt in Poppelsdorf. Nebenbei forderte er immer wieder die paritätische Mitbestimmung in den Uni-Gremien und eine grundsätzliche Reform der Uni-Verfassung, gab dafür alle gesellschaftskritischen Äußerungen auf. Der Bonner AStA wurde in den nächsten 20 Jahren eine der am heftigsten zwischen linken und rechten Gruppen umkämpften StudentInnenvertretungen der Bundesrepublik.
Das Jahr 1968 stand auch ganz im Zeichen der ehrwürdigen 150-Jahrfeiern der Universität. Am 10. Juli 1968 begannen die offiziellen Feierlichkeiten. Die wenigen StudentInnen, die gegen die Selbstbeweihräucherung der Ordinarien in Talaren protestieren wollten, sammelten sich zu einem Sitzstreik vor dem Festsaal. Die eintreffenden Ehrengäste konnten nur mühsam über die streikende Masse hinweg in den Festsaal gehievt werden. Als bekannt wurde, daß zwei griechische Rektoren, Prof. Rammos (Athen) und Prof. Ganiatsas (Thessaloniki), an der Feststunde teilnahmen, rammte eine Gruppe erregter StudentInnen das Portal zum Festsaal ein. In Griechenland herrschte zu dieser Zeit seit kurzem eine faschistische Militärdiktatur, und zahlreiche demokratische Professoren wurden relegiert. Allein im Januar 1968 relegierte Ganiatsas 28 demokratische Hochschullehrer, darunter den Verfassungsrechtler Manessis und den Philosophen Marenitis; gegen 16 Mitglieder der studentischen Widerstandsorganisation "Rigas Ferraios" wurden vor einem Sondermilitärgericht 4mal 21 Jahre Zuchthaus, 1mal 16 Jahre und als weitere Strafen 6 bis 10 Jahre Zuchthaus verhängt. Nach Aufzug der Polizei im Hauptgebäude verließen die griechischen Rektoren wütend den Empfang; der schmale Gang vor dem Festsaal wurde von der Polizei geräumt. Wegen des gleichzeitig im Hauptgebäude stattfinden Sommerfestes kam es zu einem lebensgefährlichen Gedränge; die SDSler Heer, Booß und Garcia wurden wegen "Landfriedensbruch" angezeigt.
Am 12. Juli veranstaltete die StudentInnenschaft ein "Polit-Happening" im Juridicum, unter anderem mit den Philosophen Ernst Bloch, Herbert Marcuse, Jean-Paul Sartre, Theodor Adorno, Wolfgang Abendroth und dem Schriftsteller Günter Grass. Die Studentengewerkschaft veröffentlichte eine Anti-Festschrift: "150 Jahre Klassenuniversität, reaktionäre Herrschaft und demokratischer Widerstand am Beispiel der Universität Bonn". Da die Bonner Universität auch anläßlich ihrer 150-Jahrfeier nichts zur eigenen Geschichte auch im "Dritten Reich" anbot, beschäftigten sich StudentInnen – sie selbst nannten sich "studentische Dilettanten" – mit diesem Thema. Zum ersten Mal wurde ein kritischer Blick auf die NS-Geschichte der Universität geworfen, die sich nicht ausschließlich auf die Verfolgung von Professoren verengte.
In schlichter Form, ohne pompösen Aufzug der Professoren in Talaren, fand am 18. Oktober 1968 die Übergabe des Rektorats von Schneemelcher an Partsch statt. Damit brach die Universität erstmals mit einer jahrhundertealten Tradition. Partsch befürwortete die Auflösung der übergroßen und trägen Fakultäten zugunsten von kleinen Fachbereichen, bezeichnete die Studienreform als das wichtigste Problem und bemerkte, daß die Universität in erster Linie für die Studierenden da sei.
Im Dezember 1968 kam es zu Vollversammlungen der StudentInnen an der Philosophischen Fakultät, um Beratungen gegen die geplante Zwischenprüfungsordnung (ZPO) aufzunehmen. Die neue, obligatorische Zwischenprüfung sah die Zwangsexmatrikulation bei wiederholtem Nichtbestehen vor. Nach Meinung der StudentInnen verstieß die Ordnung damit gegen das Recht der freien Berufsausübung und würde dem "Führerprinzip" verpflichtet sein, da sie nach wie vor Fakultät und Dekan die letzte Entscheidungsbefugnis über Zulassung und Durchführung der Prüfungen und Wiederholungen einräumte. In Flugblättern vom 3. Dezember 1968 hieß es: "Die Kasernenordnung muß vom Tisch! ...Unter dem Vorwand der Rationalisierung des Studiums werden die Reste der Autonomie der Universität beseitigt, soll die monopolistische Planung mit größtmöglicher Effizienz durchgeführt werden...Unsere Antwort darauf kann nur lauten: Kampf dieser Zwischenprüfung! Boykott! Am 11.12.68 beschließt die Fakultät die ZPO. Kampfmaßnahmen beschließt die Vollversammlung der Studenten der Phil-Fak am Dienstag, den 2. Dezember, 14.00 Uhr, HS 17... Kampf um eine demokratische Hochschule! Wenn wir heute nicht wach sind, frißt uns morgen die ZPZ!" Die Bonner Philosophische Fakultät hat bis heute keine Zwischenprüfung eingeführt.
In der Folge wurden Vollversammlungen und Urabstimmungen zum festen Bestandteil der universitären Demokratie. Auf einer Vollversammlung der Poppelsdorfer Universitätsinstitute, an der über 800 StudentInnen teilnahmen, wurde ein Warnstreik beschlossen, der sich gegen die Pläne des Kultusministeriums richtete, die Neubauten der Chemie in Poppelsdorf statt in Endenich zu errichten. Und im Juni 1969 gelang es bei einer erstaunlich hohen Wahlbeteiligung von 59,4 Prozent der Bonner StudentInnenschaft, daß sich 73,0 Prozent für einen "aktiven Streik" aussprachen, der sich gegen die NRW-Hochschulgesetzgebung richtete.
Bis auf ganz wenige Ausnahmen bleibt festzuhalten: Die Universität Bonn ist von den demokratischen Reformen, die von den 68er eingefordert worden sind, bis heute weitgehend verschont geblieben. Der damalige Kanzler der Bonner Universität, Prof. von Medem, urteilte: "Die Chancen zu einer grundlegenden Erneuerung der deutschen Hochschule wurden vertan." Das Rektorat schaffte es noch 18 Jahre lang, bis 1986(!), sich einer Grundordnung zu verweigern, die endlich eine studentische Mitbestimmung in allen Gremien vorsah - wenn auch längst nicht paritätisch, sondern nur marginal.
Die 68er waren die letzte Generation, die nichts vom Ozonloch wußte. Seit der Friedens- und Ökologiebewegung der 80er Jahre, die noch nach altem hierarchischen Muster organisiert werden konnte, sind gesellschaftliche Protestbewegungen, vor allem in den 90er Jahren, immer mehr einer globalen Relevanz unterworfen. Daher sind der 97er Streik, der aus einem tiefen individuellen Unzufriedenheitsgefühl einen solidarischen Massenprotest machte, und die avantgardistische 68er-Bewegung von einer grundauf unterschiedlichen Qualität. Aber es gibt auch viele Gemeinsamkeiten. Politische Betätigung war damals wie heute Ausnahmeerscheinung und wurde geächtet. Die Demokratisierung blieb damals wie heute aus. Emanzipatorische Forderungen verkamen angesichts der Betonköpfigkeit der konservativen Autoritäten zur Sprechblasenrhetorik.
Der SDS löste sich als Verband 1969 auf, weil es von den AktivistInnen als unbefriedigend empfunden wurde, in der Organisationsform eines lobbyartigen Studierendenverbands die Demokratie nicht weiter voranbringen zu können.
Waren die 68er also Träumer und Spinner? Bereits Ende 1967 warnte ein Thesenpapier der antiautoritären Bonner Studierenden: "Es kann nicht Zweck von Aktionen sein, Rektor, Professoren und Polizei zu provozieren, damit sie ihr wahres Gesicht zeigen... Das antiautoritäre Verhalten erleichtert es zwar, Erfahrungen mit den Eigenheiten des kapitalistischen Systems zu machen. Es läuft aber Gefahr, sein antiautoritäres Reagieren auf Autoritäten selbst schon für revolutionär zu halten oder gar die antiautoritäre Praxis als Zeichen subjektiver Freiheit zu genießen." Das bewahrte die Bonner 68er davor zu glauben, sich massenhaft empörende Studierende könnten die Vorboten der revolutionären Massen darstellen. Der anschließende, nach 1968 einsetzende Zerfall der antiautoritären Bewegung in kleine Splittergruppen kannte dann eigentlich nur noch zwei Alternativen: Bombe oder Cannabis sativa. Im Club 46 (heute Buchladen 46) in der Kaiserstraße sah man Menschen mit konspirativer Miene darüber nachdenken, ob es im Übergang vom Protest zum Widerstand nicht doch besser sei, den Kaufhof anzuzünden; andere wiederum preisten die befreiende Wirkung von Drogen. Nur der Bonner RCDS ergriff eine wahrhaft zukunftsweisende Initiative: "Wer rettet die CDU? [...] In der stickigen Luft unseres westdeutschen Parteilebens wirken die Ideen und Forderungen eines Mannes wie ein frischer Wind. Sein Name: Dr Helmut Kohl" (RCDS-Flugblatt vom 14. Januar 1969)
Was bleibt? Jahrzehnte später gibt es die Veteranentreffen der 68er, und die Suche der heutigen linken Studierenden nach Spuren ihrer Vorgängerinnen und Vorgänger, nach dem verschütteten Glauben an eine bessere Welt und an Streiks, die wirklich etwas in Bewegung setzen könnten, wird mühsamer und unübersichtlicher. Die StudentInnen von damals kämpfen weiter. Der ehemalige Bonner AStA-Vorsitzende Bernhelm Booß-Bavnbek ist heute Professor für Mathematik an der Reformuniversität Roskilde in Dänemark, und das ehemalige Bonner SDS-Mitglied Hannes Heer arbeitet heute am Institut für Sozialforschung in Hamburg und leitet die Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht". Sie kommt im Oktober nach Bonn und wird in der Beethovenhalle gezeigt.
Herr Opgenoorth, was ist Ihnen persönlich von den Ereignissen des Jahres 1968 in Erinnerung geblieben?
1968 ist ein Chiffre. Die Ereignisse, die 1968 ausmachen, begannen früher, etwa 1966/67, und setzten sich bis Mitte der 70er Jahre fort. Ich war damals Dozent. 1971 wurde ich habilitiert, und von 1968 selbst ist mir nur ein Proseminar des Wintersemesters 1968/69 im Gedächtnis geblieben, auch die Demonstrationen gegen die Notstandsgesetze. Ich habe das weit verbreitete Unbehagen der Studierenden als berechtigt wahrgenommen. Es kam zu Störungen und heftigen inhaltlichen Debatten in den Lehrveranstaltungen, und zwei- oder dreimal wurden Fakultätsratssitzungen gesprengt. Meine Taktik damals, mit der ich mich unter den Dozenten in der Minderheit befand, bestand darin, sich inneruniversitär mit den Studierenden zu arrangieren, um Maßnahmen von außen zu verhindern.
Wie würden Sie die Proteste der 97er vom letzten Semester vor dem Hintergrund der 68er beurteilen?
Damals wie heute war die Studiensituation unbefriedigend. Meine Taktik ist hingegen heute weit verbreitet. Es gibt eine große Solidarisierung der Dozenten mit den Studierenden. Die 68er richteten ihre Proteste gegen die Organe der Universität, die 97er richten sich gegen die Landesregierung.
Wie ist das zu erklären?
Heute ist die Gruppenuniversität, über die so gern gejammert wird, Normalzustand geworden. Damals waren die Proteste gegen die Ordinarienuniversität berechtigt. Heute wird von allen Seiten auf die Mißstände in den Universitäten hingewiesen.
Aber es sind doch nicht nur Uni-Probleme gewesen, die die 68er auf die Barrikaden gebracht haben?
Richtig. Der Protest ging weit über die Universität hinaus, die Umstellung der gesamten Gesellschaft sollte erreicht werden. Die Notwendigkeit, demokratisches Bewußtsein massenhaft zu verbreiten, war breiter Konsens gewesen, allerdings befand sich die marxistische Begründung und die damit verbundene Forderung nach Abschaffung des Kapitalismus in der Minderheit. Die linken Studierenden konnten damit bald Wahlen gewinnen, weil pauschale Ressentiments gegen den Kapitalismus weit verbreitet waren. Der Vorwurf der marxistischen Studierenden, der historische Materialismus werde nicht genügend berücksichtigt, insbesondere im Historischen Seminar, war berechtigt.
Stimmt denn die These, heute wären die Studierenden konkreter, pragmatischer, und gestern seien sie nur Träumer gewesen?
Nein, so kann das nicht beantwortet werden, denn entscheidend ist: Wer hat was gewollt? Das Dauerproblem studentischer Politik ist das Mißverhältnis von Engagement und Umsetzungsmöglichkeit. Der AStA und die Fachschaften können nichts bewegen. Daher kommt auch die dürftige Wahlbeteiligung. Alle wissen das, aber keiner sagt das in dieser Form. Entscheidungen in der Politik brauchen Bündnisse und Kompromisse. Heute befinden sich die studentischen Proteste weitgehend im Konsens mit den Uni-Gremien, anders als damals. 1968 folgte den abstrakten Forderungen nur wenig.
Also sind die 68er gescheitert, haben die 97er mehr Kraft?
Prognosen sind immer schwer. Es kommt auf die Energie, auf das Durchhaltevermögen an, und ob sich letztendlich mit der gesellschaftlichen Realität abgefunden wird. Gescheitert sind 1968 alle Konzeptionen des historischen Materialismus. Die Umordnung der Gesellschaft war erfolgreicher, etwa die Demokratisierung. Heute sehe ich wieder eine rückläufige Tendenz, die Gesellschaft wird immer patriarchalischer und autoritärer.
Die Gleichstellung der Geschlechter wurde 1968 auch erstmals thematisiert, hat dies in Bonn eine Rolle gespielt?
Das hat keine Rolle gespielt, das war nicht das beherrschende Thema. Sehen Sie, die innere Struktur der linken Gruppen war damals durch und durch patriarchalisch geprägt.
Beim 150jährigen Jubiläum kam es beim universitären Festakt zu Sitzstreik- und Blockadeaktionen der Studierenden.
Von diesen Ereignissen weiß ich wenig, ich fand allerdings eine persönliche Notiz zum "Anti-Dies" der Studierenden vom November 1967, der stattfand, als Rudi Dutschke nach Bonn kam. Heute gibt es diesen Anti-Dies immer noch als spärlichen Rest, es sind die AStA-Veranstaltungen an diesem Tag. Aber auch die kommentierten Vorlesungsverzeichnisse (KVV) stammen aus diesen Tagen. Was damals als politisches Kontrastprogramm gedacht war, mutierte bald zur Serviceleistung. Typisch ist: eine linke Fachschaft erstellte ein KVV, die nachfolgende Mitte-Rechts-Fachschaft legte die inhaltliche Gestaltung bald wieder in die Hände des Instituts zurück, weil es ihnen zu viel Mühe machte. Die Skripten zur Veranstaltung "Grundprobleme der Geschichtstheorie" entstanden aus den Forderungen der politischen 68er-Gruppen, die äußerst kritisch die Veranstaltung verfolgt hatten. Als Prüfer wunderte ich mich über die nach den Skripten gelernten Antworten der Prüflinge, die so nicht Thema in der Vorlesung gewesen waren.
Wissen Sie noch einige Studierendenvertreter von damals, die heute bekannt sind, einzuordnen? Ulrich Wickert saß 1968 im Bonner Studierendenparlament, Wulf Schönbohm, Hannes Heer, der später Berufsverbot erhielt...
Hannes Heer war der Hauptschreier! Er war der Wortführer des SDS in Bonn. Aufgrund des Radikalenerlasses wurde er nicht in den öffentlichen Dienst übernommen. Das war dann Anfang der 70er Jahre. Aber es gab einen Beschluß des MSB Spartakus, sich nicht der Gewissensprüfung zu unterziehen, von dem sich einige distanzierten und austraten. Prominentes Beispiel ist Ulla Hahn gewesen.
Welche Fälle der Aufklärung über die nationalsozialistische Vergangenheit der Bonner Professoren sind ihnen in Erinnerung geblieben?
Der Bonner Germanistikprofessor Hugo Moser war in die Kritik geraten, vor allem durch den ZEIT-Redakteur Peter Böhlich. Anlaß war das Liederbuch, das Moser in der Weimarer Zeit herausgegeben hatte und welches im Dritten Reich auch das Horst-Wessel-Lied enthielt. Moser war Altgermanist mit völkischer Grundorientierung. Als Dekan der Philosophischen Fakultät hielt er einmal eine Grabansprache und zitierte dabei aus der "Edda" einige Zeilen mit ziemlich braunem Klang, daran erinnere ich mich besonders.
Herr Opgenoorth, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
[Das Gespräch führten Dániel Fehér und Jörg Prante]