So neu ist sie gar nicht mehr. Seit der ersten Eröffnung am 5. März 1995 in Hamburg war sie in 28 Städten, davon 6 in Österreich, zu sehen. Bis mindestens Mitte nächsten Jahres wird sie noch zu sehen sein, in Hannover, Kiel, Saarbrücken, Köln und wieder Hamburg. Die meiste Aufmerksamkeit erregte sie zweifellos in München (März 1997) durch massiven Affront seitens der CSU und der NPD. Der bayerische Kultusminister empfahl den Schulen, die Ausstellung nicht zu besuchen. In Bremen kam es im Oktober 1996 wegen ihr zu einer Krise der dortigen großen Koalition. Es wurde viel gestritten, wo sie gezeigt werden darf, wo nicht. Frankfurt lud sie in die Paulskirche ein, in Bonn verweigerten sich der Bundestag und das Haus der Geschichte - mit dem umstrittenen Bonner Zeithistoriker Klaus Hildebrand im Kuratorium. Selbst die Stadt zeigt sie nicht im Rathaus oder in der Universität sondern etwas außerhalb, in der Beethovenhalle. Manchen Kreisen, zu denen auch der Bonner General-Anzeiger und viele seiner LeserbriefschreiberInnen zu zählen sind, geht selbst das zu weit.
So alt sollte sie gar nicht werden. Als die MitarbeiterInnen des Hamburger Instituts für Sozialforschung sie konzipierten, war sie als Teil des Projektes "Angesichts unseres Jahrhunderts. Gewalt und Destruktivität im Zivilisationsprozeß" gedacht. Das Projekt selbst blieb weitestgehend unbekannt, doch die "Wehrmachtsausstellung" ist in aller Munde. Daß die WissenschaftlerInnen des Instituts nunmehr seit fast vier Jahren große Teile ihrer Kapazitäten auf die Begleitung der Ausstellung statt auf weitere Forschung richten müssen ist dem Umstand zu verdanken, daß sie mit ihrem Thema einen besonderen Nerv der Gesellschaft getroffen haben.
Erst im Laufe der Auseinandersetzungen um die Ausstellung wird deutlich, welche Geister die Initiatoren entfesselten, als sie den Korken des Schweigens aus der Flasche der unbewältigten Vergangenheit gezogen haben. Die Gesellschaft schien gegen Vorwürfe aus der NS-Vergangenheit schon längst immun zu sein. Gegenüber den Bildern aus den Lagern war sie abgestumpft und versuchte, diese mit Zahlen aus den Archipel Gulag auszugleichen. Die Tote des Weltbrandes wurden nur noch als anonyme Statistiken wahrgenommen und die Forderungen von noch lebenden Opfern als Belästigung und Erpressung empfunden. Aus der Niederlage im Krieg konstruierte sie erst eine Befreiung der "Stunde Null" und zuletzt den Sieg im Kalten Krieg. Aber plötzlich ist diese Gesellschaft in helle Aufregung versetzt. Wie war das möglich?
Unter den Linken zählte es schon immer zu den gängigen Wahrheiten, daß die Deutschen eigentlich nie einen vollständigen Bruch mit ihrer Vergangenheit vollzogen und sie bestenfalls verdrängten oder durch "Ablaßzahlungen" sich davon loszukaufen versuchten. Engagierte Geschichts- und PolitiklehrerInnen aus der 68er-Generation opferten viel Zeit ihres Unterrichts dem Thema und erreichten nicht viel mehr, als daß die SchülerInnen das ganze Gerede nicht mehr hören konnten und sie als einer der üblichen Spinnereien der Pädagogen abtaten. Kein Wunder, bekamen sie doch außerhalb der Schule durch Medien, Familie und Politik ein gänzlich anderes Bild präsentiert. So ist es verständlich, wie der Parteiorgan der CSU zum der abenteuerlichen Feststellung kam, daß mit der Ausstellung die "Linke... einen moralischen Vernichtungsfeldzug gegen das deutsche Volk führt."
Aber nicht nur rechte Kämpfer der zweiten Reihe, wie Peter Gauweiler oder Helmut Herles (Chefredakteur des GA) attackierten die Ausstellung. Auch als gemäßigt bekannte und in der Öffentlichkeit geachtete Persönlichkeiten, wie Richard von Weizsäcker oder Helmut Schmidt - die Wehrmacht sei "der einzige anständige Verein im Dritten Reich" gewesen - sprachen sich gegen sie aus. Politiker der CDU in Deutschland und der ÖVP in Österreich distanzierten sich der Reihe nach öffentlich von der Ausstellung, im Bewußtsein, damit die eigene Klientel gegen vermeintliche Angriffe verteidigt zu haben.
Um diese Polarisierung zu verstehen, müssen die Wurzeln des gesellschaftlichen Bewußtseins analysiert werden, wie es auch der Leiter der Ausstellung Hannes Heer (der seinen Geschichtsstudium in Bonn absolvierte) in seinem Vortrag "Als Soldaten Mörder wurden" tat. Das Unternehmen Barbarossa war von der NS-Propaganda als Präventivkrieg präsentiert worden. Durch ständige psychologische Beeinflussung der Soldaten wandelt sich die Lüge vom "bolschewistischen Untermenschen" zum Glaube am allgegenwärtigen jüdischen Feind. Die "politische" Aufgabe der Judenvernichtung wird zu einer militärischen, indem der Jude als Drahtzieher der Partisanenaktivitäten und als Urheber des weltanschaulichen Fanatismus der Roten ausgemacht wird. Der Soldat verinnerlicht den Völkermord als notwendigen Bestandteil der Kriegsführung und macht sie sich zur Pflicht. Der Partisanenkrieg der Bevölkerung gegen die Besatzer, die allerdings erst später richtig beginnt, rechtfertigt, wie sie erlebt und vom Propaganda dargestellt wird, alles. Als sich das Blatt wendet und das Mythos der Unbesiegbarkeit bröckelt, wird das eigene Handeln in Frage gestellt. Als Legitimation muß nun die Pflichterfüllung und die Opferbereitschaft herhalten. Der Krieg wird plötzlich zum "heiligen Verteidigungskampf zur Rettung der europäischen Kultur vor Amerikanismus und Bolschewismus".
Berechtigterweise wird auch die mögliche Rache des Gegners bei einer Niederlage gefürchtet. Die Erinnerung an die eigenen Greueltaten verschwindet indes unter der aktuellen Erfahrungen des sich hinziehenden Krieges, die nichts als Abstumpfung und Entmenschlichung bedeutet. Die Nachkriegsgesellschaft kann sich keine Aufarbeitung leisten. Der Kalte Krieg läßt keinen Raum für Kritik an der Armee. Die Erfahrung der Wehrmachtsoffiziere wird beim Ausbau von Bundeswehr und Volksarmee benötigt - so sehen das auch die jeweiligen Besatzungsmächte. In den Nachfolgestaaten des Reiches erhalten die Soldaten einen schnellen pauschalen Freispruch. Durch West-Ost-Gegensatz und Wirtschaftswunder wird erneut die Vergangenheit bedeckt. Mit Nürnberg scheint die Bewältigung erledigt zu sein. Wer über Verbrechen spricht, meint nur noch die Konzentrationslager und die SS. Als Täter gelten nur noch einzelne, wenige. Die Provokation der 68er stößt nicht zufällig auf taube Ohren und eisiges Schweigen. Die Väter wollen nicht reden, weil sie nicht mehr reden können.
Es kann in Deutschland keine Objektivität in der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Dritten Reiches geben. Das Neue Deutschland schreibt dazu am 30.03.95: "Unwillkürlich schleicht sich der Gedanke ein, ob Besucher in einem der uniformierten Normalmenschen von einst Bruder, Mann oder Vater zu entdecken vermögen." Wie verhängnisvoll mag die Wirkung eines solchen Erlebnisses sein? Welche Gedanken und Gefühle entstehen, wenn die moralische Autorität der wichtigsten Bezugspersonen auf einmal so fundamental in Frage gestellt werden müssen? Für die, die selbst mitgemacht haben, fällt die Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit schwer, denn: "Ihr Leben, ihre unbestreitbaren Leiden kämen ihnen sinnlos vor, wenn sie sich sagen müßten: Wofür alles? Für ein Verbrechen." (Kurier, 24.10.95)
Unweigerlich stellt sich die Frage der moralischen Beurteilung der Verbrechen. Die Gegner werfen der Ausstellung ständig eine "pauschale Verurteilung" vor - so auch die Bonner Junge Union in ihrer Spruchbandaktion bei der Eröffnung. Sie verteidigen damit aber nur den ebenso pauschelen "Freispruch für Millionen Soldaten, die nichts gewußt, nichts gesehen, nichts gehört haben wollen" (Die ZEIT, 17.03.95). Die Ausstellung ist kein Tribunal. Die VeranstalterInnen sprechen in der Ausstellung kein Urteil über die einzelnen Soldaten. Hannes Heer gibt selbst zu: "Das Fatale ist, daß ich selbst nicht sagen kann, wie ich in der Situation gehandelt hätte." Dennoch wurden Verbrechen begangen, von einfachen Soldaten. Diese lassen sich auch nicht durch angebliche Zwänge entschuldigen. Wie Jan Philipp Reemtsma in seiner Eröffnungsrede sagte: Daß "man von keinem Menschen verlangen kann, ein Held zu sein" heißt noch lange nicht, daß "unterhalb des Heldentums alles erlaubt" wäre.
Bleibt noch die Frage, ob es nicht notwendig ist, über die Grenzen der Ausstellung hinauszugehen. Oft wird die Ausstellung auch als Angriff auf die Bundeswehr aufgefaßt, obwohl das ganz gewiß eine Überinterpretation bedeuten würde. Aber es ist dennoch unumgänglich, angesichts der Erkenntnisse über den Krieg im 20. Jahrhundert, zu Fragen, wie es möglich ist, daß Gewalt und Krieg immer noch als Mittel der Politik gelten. Heer fordert, die Geschichte der NS-Zeit mit Blick auf ihre Gewaltkultur, die es ganz normalen Menschen ermöglicht hat, zu Massenmördern zu werden, neu zu lesen. Ebenso muß aber auch generell gefragt werden, ob unsere Gesellschaft die Gewaltkultur tatsächlich überwunden hat. Adornos Forderung, "daß Auschwitz nicht mehr sei" muß durch die Erkenntnisse dieser Ausstelloung um die Forderung, daß Gewalt, die den Menschen entmenschlicht, nicht mehr sei, ergänzt werden.
In Bonn wurde die Ausstellung von ca. 25.000 Menschen, davon fast die Hälfte SchülerInnen und StudentInnen. Sie war durch eine rege Diskussion begleitet. Über 90 Veranstaltungen füllten das "Rahmenprogramm". Wie auch OB Dieckmann bemerkte, Ausstellung und Begleitveranstaltungen ergänzten sich zu einer Einheit, die eine "in Bonn noch nie dagewesene Möglichkeit" biete, "sich über unsere Geschichte zu informieren und generationsübergreifend darüber ins Gespräch zu kommen." Das Studierendenparlament forderte in seiner Resolution die Fortsetzung der Debatte, ganz besonders an der Bonner Universität, die bekanntlich viel in diesem Bereich nachzuholen hat.
Dániel Fehér